04/17 Arbeitsmarkt

Mathias Kazek

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

viele von euch, die ca. vor 5 Jahren ihre Ausbildung

abgeschlossen haben, können sich sicher noch daran

erinnern, dass die Betriebsinhaber sogar die Berufsschule

besucht haben, um den angehenden Gesellen eine

Arbeitsstelle anzubieten. Der Stellenmarkt im Schornsteinfegerhandwerk

war überflutet mit Angeboten, aber

einen nach Arbeit suchenden Gesellen oder Meister

konnte man nur selten finden, da die wenigen persönlich

vermittelt werden konnten.

Prinzipiell ist der Mangel an Arbeitskräften eher negativ

für das Gesamthandwerk. Um das zuverlässige Bild der

Schornsteinfeger weiterhin wahren zu können, müssen

wir auch in der Lage sein alle uns aufgetragenen Arbeiten

auszuführen. Man könnte sagen, dass der Gesamteindruck

des Schornsteinfegerhandwerks von dem Nachwuchspotential

abhängt. Denn in den Betrieben, wo der

Mitarbeiter die freien Tätigkeiten durchführt, hat der

Bevollmächtigte wiederum mehr Zeit sich auf seine

hoheitlichen Aufgaben zu konzentrieren.

Unser Handwerk hat scheinbar gut gegen das Tief von

Fachkräften agiert. Nach einem Ausbildungsloch

während der Gesetzesumstrukturierung konnten wir in

den letzten Jahren annähernd bundesweit sehr hohe

Ausbildungszahlen verzeichnen. Und das trotz sehr

schlechter Ausbildungsvergütungen im Vergleich zu

anderen Handwerken. Dafür sind gewiss die guten Chancen

auf eine sichere Arbeitsstelle mitverantwortlich.

Heute kann man sagen, dass der Markt in manchen

Teilen Deutschlands gesättigt ist. Prognosen zu diesem

Thema sind schwer umzusetzen, da es regional sehr

unterschiedlich ist. Fest steht, dass der aktuelle Arbeitsmarkt

für uns Arbeitnehmer nicht mehr so attraktiv ist,

wie er noch vor ein paar Jahren war. Wir stellen bei den

Besuchen in den Berufsschulen aktuell immer wieder

fest, dass es einige Lehrlinge gibt, die kurz vor der

Gesellenprüfung noch keinen Betrieb für den Start in

die Gesellenkarriere gefunden haben.

Wir dürfen keinesfalls aufhören auszubilden, aber um

hohe Arbeitslosigkeitszahlen im Schornsteinfegerhandwerk

zu verhindern, dürfen wir den Bogen nicht

überspannen und sollten immer den Bedarf im Auge

behalten.

Einige Forscher vermuten, dass branchenübergreifend

der Fachkräftemangel von Arbeitgeberverbänden und

betriebsnahen Institutionen dafür genutzt wird, mehr

Potential an Mitarbeitern zu bekommen, um dann die

Arbeits- und Lohnbedingungen drücken zu können, ohne

dass die Wahrscheinlichkeit abnimmt, diese Stelle zu

besetzen. Im Schornsteinfegerhandwerk haben viele

Arbeiter gefehlt. Zurzeit ist allerdings zu verspüren, dass

wir ausreichend ausbilden und dem entgegengewirkt

haben. Sollten wir weiterhin so viele Neuzugänge in

unserem Handwerk verzeichnen, ist das von den

kritischen Forschern für Großbetriebe beschriebene

Szenario gar nicht mehr so unrealistisch. Die Chefs

müssen dies nicht einmal bewusst oder mit Vorsatz

angehen.

Ein kleines Beispiel: Versetzt euch in die Situation eines

Betriebsinhabers. Nach 3 Wochen meldet sich endlich

ein Geselle bei euch, der für die freie Stelle in Frage

kommt und erzählt bei dem Bewerbungsgespräch, dass

er noch zwei andere Arbeitsangebote hat, bei denen er

morgen anfangen könnte. Die gleiche Situation heute:

Ihr führt wieder ein Vorstellungsgespräch. Allerdings

gingen dieses Mal so viele Bewerbungen ein, dass ihr

euch die drei Besten aussucht. Alle drei sind nahezu

gleich qualifiziert.

Wie beschrieben, es muss nicht bewusst stattfinden.

Wer von den dreien auch diese Stelle bekommt, wird

sicherlich nicht dieselben Arbeits- und Lohnbedingungen

haben wie der Kollege in der ersten Situation. Die Lohnverhandlungen

unter 4 Augen werden, wenn überhaupt,

nur noch selten stattfinden. Es wird umso wichtiger, die

Grundbedingungen unseres Lohnes und der anderen

Leistungen im Bundestarifvertrag zu stärken.

Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer haben dazu

beigetragen, den Mangel an Nachwuchs im Handwerk

zu neutralisieren. Jetzt müssen wir Arbeitnehmer mit

den kommenden Lohnverhandlungen dafür sorgen, dass

uns dies nicht zum Nachteil wird und für eine faire

Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen im BTV

einstehen.

 

Mathias Kazek

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