01/17 Arbeitsverhältnis beendet - Arbeitszeugnis erhalten?

Sebastian Uber

Unsere Mitglieder stellen uns häufig Fragen bezüglich des Arbeitszeugnisses, wenn sie ein Arbeitsverhältnis beenden. Am interessantesten ist für sie meistens dabei, ob ein gesetzlicher Anspruch auf ein Arbeitszeugnis besteht, wie der Inhalt des Arbeitszeugnisses zu interpretieren ist und ob jedes Arbeitszeugnis akzeptiert werden muss. Die Antworten auf diese Fragen sowie allgemeine Richtlinien des Arbeitszeugnisses möchte ich im Folgenden darlegen.

Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger im Angestelltenverhältnis haben in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf ein qualifiziertes Arbeitszeugnis bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Im Gegensatz zum einfachen Arbeitszeugnis, welches nur die gesetzlichen Mindestanforderungen enthält (Name, Adresse, Beschäftigungszeit), beinhaltet das qualifizierte Arbeitszeugnis eine Beurteilung des Arbeitnehmers, die vom Arbeitgeber verfasst wird. Zusätzlich wird die Arbeitsleistung einschließlich der Qualifikation und das Verhalten des Arbeitnehmers, wenn dieser den Betrieb verlässt, aufgeführt. Wir Arbeitnehmer dürfen bei Beendigung eines Beschäftigungsverhältnisses zwischen einem qualifizierten und einem einfachen Arbeitszeugnis frei wählen.

Wenn das Arbeitsverhältnis nicht beendet ist, aber ein triftiger Grund vorliegt, wie z.B. die Bewerbung auf einen anderen Bezirk, kann der Arbeitnehmer ein Zwischenzeugnis verlangen. Ein vorläufiges Zeugnis können Arbeitnehmer beim Erhalt der Kündigung oder bei Eigenkündigung ebenfalls verlangen, um schneller ein neues Beschäftigungsverhältnis abschließen zu können. Das Arbeitszeugnis kann eine Empfehlung sein, ist aber kein persönlich gehaltenes Empfehlungsschreiben. Es muss wohlwollend formuliert sein, um den beruflichen Werdegang des Arbeitnehmers nicht zu erschweren. Wie die meisten aber wissen, kann der Arbeitgeber durch bestimmte Formulierungen im Arbeitszeugnis den Arbeitnehmer bewerten.

Doch was steht nun in meinem Arbeitszeugnis geschrieben? Die Zeugnissprache hat unzählige Formulierungen mit  ihren jeweiligen Bedeutungen, welche im Schulnotensystem vergeben werden. Auch wenn ein Arbeitszeugnis auf den ersten Blick gute Formulierungen enthält, sollte man genau hinsehen und eventuell mit eigener Recherche oder mit unserer Hilfe nachprüfen, was im Zeugnis gemeint ist. Betriebs- und branchenübergreifend wird die Leistungsbeurteilung des Arbeitnehmers meist wie folgt bewertet:

  • stets zu unserer vollsten Zufriedenheit: sehr gut (1)
  • stets zu unserer vollen Zufriedenheit: gut (2)
  • zu unseren vollen Zufriedenheit/stets zur Zufriedenheit: befriedigend (3)
  • zur Zufriedenheit: unterdurchschnittlich (4)

Beim Verhalten zu Vorgesetzten, Azubis, Arbeitskollegen und Kunden werden meistens folgende Formulierungen verwendet:

  • stets vorbildlich: sehr gut (1)
  • vorbildlich oder stets einwandfrei: gut (2)
  • einwandfrei: befriedigend (3)
  • ohne Tadel: unterdurchschnittlich (4)

 

Arbeitszeugnisse müssen den Grundsätzen der Zeugniswahrheit und der Zeugnisklarheit entsprechen. Somit sind willkürliche Bewertungen unzulässig. Ein Zeugnis muss also wahrheitsgemäß die Tätigkeit, die Leistung und das Verhalten des Arbeitnehmers widergeben und in sich verständlich und widerspruchsfrei sein. Durch Widersprüche würden positive Beurteilungen automatisch entwertet werden und wären somit sinnlos. Es muss so geschrieben sein, dass sich künftige Arbeitgeber ein klares Bild über den Arbeitnehmer machen können. Vor allem die Aufgaben, die etwas mit den Kenntnissen und Leistungen des Arbeitnehmers zu tun haben, müssen im qualifizierten Arbeitszeugnis stehen. Gewisse Inhalte wie z.B. Vorkommnisse aus dem Privatleben, Schwangerschaft, Nebentätigkeiten oder auch die Anzahl der Krankheitstage darf ein Arbeitgeber nicht im Arbeitszeugnis aufführen. Des Weiteren muss das Arbeitszeugnis ernst gemeint sein. Bei der Bewertung eines qualifizierten Arbeitszeugnisses wurde in der Vergangenheit ein Arbeitnehmer so gut bewertet, dass durch die vielen Superlativen das komplette Zeugnis ins Lächerliche gezogen wurde. So musste ein Landesarbeitsgericht über die viel zu deutliche Bewertung entscheiden, in der der Arbeitnehmer vom Gericht Recht bekam und das Arbeitszeugnis umgeschrieben werden musste.

 

Aufgrund der Kleinstbetriebe, in denen wir beschäftigt sind, haben wir Arbeitnehmer in der Regel häufigen Kontakt mit unseren Arbeitgebern und ich denke, dass Unklarheiten oder Streitigkeiten vorher aus dem Weg geräumt werden und somit schlechte Bewertungen meistens vermieden werden können. Endet dennoch ein Arbeitsverhältnis im Streit, wäre möglicherweise ein einfaches Arbeitszeugnis von Vorteil.

 

Sebastian Uber

Bezirksgruppenvorsitzender Baden 

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